Ein Graben voll Glück
(von Esther Donkor)

(prämiert mit dem 3. Platz des 7. Kölner Kurzgeschichten-Wettbewerbs)

 

 

„Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.“ Mit zittriger Stimme beendet die Mutter das Märchen. Tränen stehen in ihren Augen. Regungslos hockt sie auf dem Schemel neben dem rostigen Metallgestellbett auf dem die beiden Kinder liegen. Sie sind während des Märchens eingeschlafen. Ihr gleichmäßiger Atem und das Surren der flackernden, gedämpft scheinenden Neonröhre an der Decke sind die einzigen Geräusche im Raum. Die Augen der Mutter können die Tränen nicht mehr halten. Lautlos laufen sie an ihren Wangen herab. Sie schaut auf den Jungen und das Mädchen und schüttelt langsam de Kopf.

Plötzlich öffnet sich die Zimmertür. Helles Licht strömt herein und durchflutet den Raum. Erschrocken schaut die Mutter zur Tür, die Kinder erwachen und kneifen die Augen zusammen. Ein großer, dunkler Schatten erscheint im Türrahmen. Als er ins Zimmer tritt erkennen sie, dass es der Vater ist. Doch sein Gesicht ist weder zornig noch traurig.

Er lacht.

„Frau!“, ruft er „Der liebe Gott hat uns geholfen! heute hat es Geldscheine und Münzen vom Himmel geregnet! Ich fing sie mit den bloßen Händen auf! Sie fielen auch in den Graben vor unser Haus! Ein Graben voll Glück! Mit dem Geld können wir die Löcher im Dach stopfen und uns ein schönes Heim bauen! Die Kinder können bei uns bleiben! Wir haben genug Geld um sie zu versorgen! Wir können wieder eine glückliche Familie sein!“

Schlagartig verschwindet die Trauer aus dem Gesicht der Mutter, die Kinder springen auf und jubeln. Die Eltern umarmen sie.

„Wir lieben euch!“

Schweißgebadet schreckt Henryk auf. Sein braun meliertes Baumwollhemd ist völlig durchnässt. Sein kleines Herz pocht schnell und er atmet heftig durch den Mund. Die Augen sind noch geschlossen. Fest geschlossen. Er traut sich kaum sie zu öffnen.

Bitte sei wahr, bitte sei war.

Langsam beginnt er die Augen zu öffnen. Ein grauer, heller Schleier dringt durch die kleinen, halbgeöffneten Augenschlitze. Doch je mehr er die Augen öffnet, desto mehr Enttäuschung macht sich breit. Der Traum, der ihn fast jede Nacht aus dem Schlaf reißt, ist auch diesmal nicht zur Wirklichkeit geworden. Die Wirklichkeit ist noch immer der Alptraum, aus dem es kein Erwachen gibt. Ein Alptraum, in den er aus den schönsten Träumen immer wieder hinein erwacht.

Die ersten Strahlen der frühen Morgensonne dringen durch die zugezogenen, grauen Vorhänge. Ringsherum liegen ein dutzend anderer Jungen und Mädchen auf ihren Matratzenlagern. Einige schlafen. Ein etwa neunjähriges Mädchen liegt zusammengekrümmt neben der Tür und schluchzt leise in sich hinein. Sie ist eine Neue. Henryk kennt ihren Namen nicht. Aber er weiß, dass sie diese Nacht nicht geschlafen hat. Wie auch, nach ihrem ersten Tag im Haus mit den roten Lichtern? Ihr Schluchzen war das letzte was Henryk vor dem Einschlafen gehört hatte und ist das Erste, was er nun wieder vernimmt.

Besorgt schaut er rechts neben sich. Dort liegt Greta. Seine kleine Schwester. Sie schläft friedlich. Ihre kleine Brust hebt sich gleichmäßig auf und ab. Henryk streicht ihr eine goldbraune Strähne aus dem Haar. Er legt den Arm um sie.

Niemals kommst du ins Haus mit den roten Lichtern, niemals Das werde ich nicht zulassen. Henryk legt einen Arm um Greta und schmiegt sich an sie. Langsam schläft er wieder ein.

 

„Aufwachen ihr Faulpelze!“ Die Alte stößt die Tür zum Schlafraum auf. Erneut schreckt Henryk aus dem Schlaf. Auch sein Herz schlägt wieder heftig. Diesmal aus Angst. Die Angst die er täglich hat.

„Du und du und du auch!“ Die Alte zeigt mit ihrer Krücke auf verschiedene Jungen. Ihr buckliger Lakai zieht einen nach dem anderen an den dünnen Ärmchen hoch. Henryk bleibt liegen. Versucht kaum zu atmen. Presst die Augen fest zusammen. Er krallt sich an seine Schwester, versucht sich unsichtbar zu machen.

Bitte heute nicht!

„Der hier auch!“ Henryk spürt ihre Krücke im Kreuz. Er kann die Tränen nicht zurückhalten. Der Bucklige packt ihn schon unter den Armen und hebt ihn hoch.

„Nein ich will nicht! Nein!“ Henryk strampelt mit den Beinen, wissend dass es nichts bringen wird. Doch er gibt nicht auf. Niemals. Ein Schlag mit der Krücke auf die Beine stellt ihn auch heute wieder ruhig. „Und die da“, die Alte zeigt mit ihrer Krücke auf Greta „Die kommt morgen auch mit. Ich habe endlich jemanden gefunden der mir den angemessenen Preis zahlt, den man für so einen Rohdiamanten bekommen sollte!“ Das Lachen der Alten hört sich an wie das Krächzen eines Raben.

„Nein!“ ruft Henryk und versuch sich ein letztes Mal loszureißen. Greta schaut starr und mit ängstlichen Augen zu ihrem Bruder. Doch die Alte und der Bucklige pferchen die Jungen aus dem Raum.

 

Eiskaltes Wasser auf der Haut. Brennende Seife in den Augen. Ein raues Handtuch, wie Schleifpapier. Hinein in die weiße Wäsche und die adretten Mäntelchen. Das Sprudeln der Tabletten, die sich in den Wassergläsern auflösen. Bittere Flüssigkeit im Mund. Schwindel. Taubheit. Die Trance beginnt. Wie so oft.

Es geht hinaus. Weißes Sonnenlicht blendet in den Augen. Geradeaus die Straße entlang. Vorbei an dem abgerissenen Haus. Ein großer Graben klafft tief zwischen Haus und Straße. Spitze Stahlpfosten ragen am Boden des Grabens empor. Der Graben ist nicht eingezäunt. Die Baustelle ist stillgelegt. In diese Ecke der Stadt wird kein Geld mehr fürs Bauen gesteckt. Hier möchte niemand gerne wohnen.

Die Alte geht vorneweg, der Bucklige bildet das Schlusslicht. Der Trupp der ruhiggestellten Jungen wird wie eine Herde Vieh ins Haus mit den roten Lichtern getrieben.

 

In dieser Nacht liegen die Geschwister eng aneinander geschmiegt auf ihrer harten Matratze. Greta schluchzt leise „Ich will nach Hause, Henryk! Ich will nicht da hin!“.

Henryk rückt näher an seine Schwester. Er versucht ihre Tränen mit seinem Ärmel zu trocknen.

"Weine nicht, Greta, und schlaf nur ruhig, der liebe Gott wird uns schon helfen."

In dieser Nacht bleibt Henryk wach. Fest entschlossen, seine Schwester nicht ins Haus mit den roten Lichtern zu lassen.

Nie soll sie dasselbe erleben wie er.

 

Am Morgen ist Henryk schon wach als die Alte kommt. Sanft weckt er seine Schwester bevor es die Alte mit ihrem Stock tut. Der Bucklige hebt die zitternde Greta auf den Arm. Auch Henryk steht auf.

„Wenn Greta heut mitkommt, will ich auch mit. Freiwillig.“, sagt er und die Alte schmunzelt. Sie lässt ihn gewähren.

Im Waschraum kann Henryk Greta vor dem kalten Wasser und dem schmerzhaften Handtuch nicht beschützen. Doch in einem unaufmerksamen Moment der Alten trinkt er neben seinem, auch Gretas Glas mit der bitteren Flüssigkeit aus. Die Kleine soll nicht das fühlen, was er fast täglich fühlen muss.

Die Trance kommt schneller als sonst. Doch diesmal versucht Henryk sich zu konzentrieren. „Bleib hier! Ich nehme heute nur die beiden mit“, hört er die Stimme der Alten sagen. Der Bucklige bleibt zurück. Sie sind mit der Alten allein.

Ein lautes monotones Pfeifen ertönt in Henryks Ohren als sie das Haus verlassen. Draußen ist es heller als sonst. Obwohl der Himmel wolkenbedeckt ist. Blaue und rote Muster tanzen vor seinen Augen. Teufel kämpfen mit Engeln. Sein Kopf pocht. Es fällt ihm schwer sich auf den Beinen zu halten. Doch er hält Gretas Hand fest. Lässt sie nicht los. Er konzentriert sich mit aller Kraft. Langsam gehen sie die Straße entlang. Krampfhaft versucht Henryk auf eine Lösung zu kommen.

Greta darf nicht ins Haus mit den roten Lichtern.

Zum Weglaufen ist er zu schwach. Henryk bricht der Schweiß aus doch er friert gleichzeitig. „Lauf, Greta! Lauf weg!“ flüstert er ihr zu. Doch Greta umklammert seine Hand fest.

„Ich will bei dir bleiben!“ haucht sie. „Ich weiß nicht, wie ich dich retten soll“. Henryk ist verzweifelt.

„Was sprecht ihr da!“ die Alte dreht sich zu den beiden um. Sie stehen vor dem abgerissenen Haus. Der stillgelegten Baustelle. Dem tiefen Graben. Ein eisiger Wind weht durch die Ruine. Wie eine steinalte Hexe steht die Alte auf ihre Krücke gestützt. Mit der freien Hand hält sie ihr Kopftuch unterm Kinn zusammen.

„Los! Geht vor mir, damit ich euch im Auge behalten kann!“ keift die Hexe die beiden an. Sie drängt Greta mit ihrem Stock von Henryk weg. Greta stolpert und beginnt zu weinen. Blut tritt am Knie durch ihre weiße Strumpfhose.

„Du dumme Gans! So zahlt mir niemand das, was ich für dich verlang’! Steh schon auf!“ schnauzt die Hexe. Ihre krächzende Stimme und seine verletzte Schwester reißen Henryk aus seiner Trägheit. Gretas Schluchzen wird immer lauter. Das Krächzen der Hexe und der andauernde Pfeifton dröhnen in seinen Ohren.„Steh auf du dummes Ding! Mach schon!“.

Mühsam macht Henryk einen Schritt auf die Alte zu. Der Wind weht heftig und peitscht ihm um die Ohren. Alles dreht sich, verschwimmt zu einem Brei. Nur die Hexe hat er im Visier. Gestochen scharf. Sie steht vor dem Abgrund. Zeternd. Aufgestützt auf ihrer Krücke. Henryk macht einen weiteren Schritt auf sie zu. Er steht vor ihr. Ihr scharfer Blick durchbohrt ihn. Wie in Zeitlupe holt sie mit der Krücke zum Schlag aus. Die Hexe zischt wie eine Schlange. „Wertloses Pack! Gleich wird euch eure Frechheit schon vergehen!“. Doch ehe sie ihren Schlag ausführen kann geht auf einmal alles blitzschnell.

Jetzt oder nie.

Henryk nimmt alles wahr. Klar und deutlich. Er versetzt ihr einen Stoß. Mit aller Kraft versetzt er der Alten einen Stoß. Die Krücke fliegt hoch in die Luft, landet am Rande des Grabens. Die Trance kehrt zurück. Mit einem lauten Schrei fällt die Hexe rücklings in den Abgrund.

Henryk schaut ihr hinterher. Ganz langsam fällt sie in den Graben. Wie ein Blatt im Wind. Immer näher auf die Stahlpfosten zu. Ihr Schreien hallt laut in seinen Ohren. Sie fällt eine Ewigkeit. Erst als sie wie ein Stück Fleisch auf einer Gabel auf den Stahlpfosten hängen bleibt, verstummt das Schreien. Auch das Pfeifen in Henryks Ohren ist verschwunden.

Die Wolkendecke bricht auf. Henryk schaut stumm in den Graben. Den Graben voll Glück. Den Graben voll Hoffnung. Die Sonne scheint in die Tiefe auf die unbewegliche Alte. Die steinalte Hexe.

Es war einmal eine Hexe.

Der Wind legt sich. Henryk schaut noch immer hinab. Erst als Greta sanft seine Hand nimmt wendet er sich ab.

„Henryk, wir sind erlöst, die alte Hexe ist tot“.

 

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